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"Wir brauchen die Sehnsucht" PDF Drucken E-Mail
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Geschrieben von: Daniel Schierhold   
Mittwoch, den 23. Oktober 2019 um 08:53 Uhr

Vereinsinfo

Der kommende Samstag ist ein besonderer Tag für die Fanszene des VfL Halle 96: erstmals werden die treuen Fans unserer Oberliga-Mannschaft einem Spiel geschlossen fernbleiben. Dass dies aber nichts mit Protest alá TeBe Berlin oder klassischen "Unmutsbekundungen" verschiedener Fanszenen zu tun hat, sondern mit gesellschaftspolitischen Engagement, erklärt VfL-Fan Loti Gimpel im Gespräch mit Redaktionsmitglied und Fanbeauftragtem Daniel Schierhold.

vfl96.de: Hallo, Loti. Herzlich willkommen und danke, dass Du diesem Interview zugestimmt hast. Du hast vor einiger Zeit einen Artikel für das Transit-Magazin geschrieben, in dem Du witzig und mit VfL-typischer Selbstironie das Fandasein in unserem Verein beschreibst. Wie bist Du denn auf den VfL Halle 96 aufmerksam geworden und was gab' für Dich den Ausschlag dabeizubleiben?

Ich gehe eigentlich schon mein ganzes Leben gerne zum Fußball und habe eine gewisse Faszination und Zuneigung zu Fußballkultur und Fanszenen, auch wenn ich gleichzeitig vieles davon abstoßend finde. Für mich ist es beispielsweise unvorstellbar mit Leuten die (extrem) rechtes Gedankengut in sich tragen im selben Fanblock zu stehen. Auf den Bundesliga-Wahnsinn habe ich sowieso keine Lust mehr und mit übertriebener Ernsthaftigkeit bezüglich eines Fußballspiels kann ich auch nichts anfangen. Es ist immer noch „nur“ Fußball und soll Spaß machen.

Ich will entspannt mit meinen Freunden ins Stadion gehen, bekannte Gesichter treffen, ein bisschen Quatsch reden, ein bisschen singen, mich freuen oder ärgern, ein bis zwölf Bier trinken, ein Käseschnitzel essen. So notwendig politischer Aktivismus auch für mich ist, im Stadion kann dieser gerne mal pausieren. Nicht pausieren sollten jedoch zivilisatorische Standards - das heißt ich habe keine Lust auf Rassismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus oder sonstige Widerlichkeiten. Und ich denke, dass die meisten Menschen, die zum VfL gehen, das ähnlich sehen.

vfl96.de: Du und viele andere rufen über Twitter und Facebook für den kommenden Samstag, 26.10., dazu auf zu einem Fußballspiel des SV Grana zu fahren, was viel positives Feedback aus der engagierten Fanszene und aus dem Verein auslöste. Was ist da genau vorgefallen?

Das internationale Team des SV Blau-Weiß Grana verdient unsere Unterstützung und unsere Solidarität, weil es seit Jahren rassistischen Diskriminierungen ausgesetzt ist. Schiedsrichter sagten „Wer nicht Deutsch spricht, sieht rot“* oder „Hier sind mir zu viele Ausländer auf dem Platz“*. Und auch von gegnerischen Spielern und Fans gab es immer wieder entsprechende Sprüche. Diese Entwicklungen gipfelten Anfang September in einer beispiellosen Hetzkampagne gegen das Team, nachdem sich ein Spieler des SV Löbitz in einer Partie gegen Grana schwer verletzte.* Die Regionalzeitung behauptete, der Spieler aus Grana habe die Verletzung absichtlich herbeiführen wollen. Die Schiedsrichterin sah jedoch nicht einmal ein Foulspiel, sondern einen Pressschlag. Der SV Blau-Weiß Grana und insbesondere der Spieler wurden aufs Übelste beschimpft. Kommentarspalten im Netz wurden vollgespamt, rassistische Hetzseiten verbreiteten Lügen. Mehrere Teams der Liga boykottierten den Verein und ein Sponsor sprang ab. Wir finden das unerträglich.

*Quelle: https://www.volksstimme.de/sachsen-anhalt/blau-weiss-grana-hass-in-der-nachspielzeit

Gleichzeitig waren wir begeistert darüber, dass es im Burgenlandkreis einen solch engagierten Verein gibt, den bis dato niemand von uns kannte. Die Idee eines Spielbesuchs war deswegen sehr früh bei vielen VfL-Fans da. Ich hatte dann außerdem über Umwege erfahren, dass man sich in Grana sehr über unsere Soli-Tapete gefreut hat. Wir haben dann Kontakt nach Grana aufgenommen, um zu erfragen, was sie von einem Spielbesuch unsererseits halten würden. Die Vereinsverantwortlichen haben uns sehr deutlich signalisiert, dass sie sich sehr lange sehr alleine gefühlt haben und dass sie sich sehr über Solidarität aus Halle freuen würden. Dann war die Sache für uns klar.

vfl96.de: Warum ist die Wahl auf diesen Termin gefallen?

Von Grana wurde uns signalisiert, dass der Termin sehr passend ist, auch wenn es für uns etwas ärgerlich ist, dass der VfL zeitgleich in Martinroda spielt. Aber Grana veranstaltet am selben Tag ein antirassistisches Jugendturnier. Zudem wird es das erste Spiel desjenigen Spielers sein, der besonders von der Hetze betroffen war und nach seiner zwangsauferlegten Sperre von drei Spielen am Samstag wieder auflaufen wird.

vfl96.de: Wieso ist es dir wichtig, dass gerade der VfL und seine Fans dort Position beziehen?

Ich finde es generell wichtig, dass man sich mit Grana bzw. mit von Rassismus betroffenen Menschen solidarisiert. Erst recht, nachdem ich mitbekommen habe, dass es den Menschen von Blau-Weiß wirklich etwas bedeutet. Außerdem finde ich, dass es wenig Schöneres gibt als praktisch gelebte und gefühlte Solidarität.

vfl96.de: Mit unserem F1-Nachwuchs wird auch eine VfL-Mannschaft beim "Antirassistischen Jugendturnier" in Grana antreten. Hast Du das Gefühl, dass der Verein ein Ohr für die Wünsche und Bedürfnisse seiner Fans hat und in welchen Bereichen wünscht Du dir mehr Engagement von offizieller Seite?

Ich freue mich sehr darüber, dass der Verein über die offiziellen Social-Media-Kanäle eindeutig Position gegen Menschenfeindlichkeit bezieht, Beispielsweise die #BlueGirl-Kampagne. Außerdem finde ich es richtig gut, dass sowohl der Verein als auch viele seiner Sympathisant*innen die Idee des solidarischen Spielbesuchs gut finden, obwohl der VfL zeitgleich spielt. Damit sind meine Wünsche eigentlich schon erfüllt, zumindest so lange die Preise im Stadion stabil bleiben und das Nexus weiterhin dieses Premium-Catering anbietet.

vfl96.de: Abschließend noch eine obligatorische Frage, die jeder Interviewgast bei uns beantworten muss: Was wünschst Du dir persönlich für unseren Verein?

Dass er niemals so hip wird, wie wir uns das immer wünschen. Wir brauchen die Sehnsucht!

Und for real: Endlich wieder eine Teilnahme am DFB-Pokal und sei es nur für ein Spiel. Das Letzte liegt nun schon 20 Jahre zurück.

Ich bedanke mich recht herzlich für dieses Interview sowie dein Engagement und wünsche Dir und unseren Fans Alles Gute und einen erfolgreichen Tag im Burgendlandkreis.